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Trauma im Körper?

Autorenbild: Sophia Sandig
Sophia Sandig
10. Sept.
5 Min. Lesezeit

Was wir über Stress, Körperreaktionen und EMDR wissen.




Manchmal reagiert unser Körper auf eine Situation, bevor wir bewusst verstehen, was gerade passiert. Vielleicht passiert das durch Herzklopfen, Muskelanspannung, flache Atmung oder durch ein Gefühl von innerer Unruhe.

Besonders im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen wird deshalb häufig davon

gesprochen, dass sich ein Trauma „im Körper speichert“.

Doch was bedeutet das eigentlich? Kann der Körper tatsächlich Erinnerungen speichern?

Und welche Rolle spielt dabei eine traumatherapeutische Methode wie EMDR?


Was ist ein Trauma?

Nicht jedes belastende oder schmerzhafte Erlebnis führt zu einer Traumafolgestörung.

Menschen können auch sehr schwere Ereignisse erleben, ohne anschließend eine

posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zu entwickeln.

Bei einer PTBS können jedoch unter anderem belastende Erinnerungen oder Flashbacks,

Vermeidungsverhalten, erhöhte Wachsamkeit und Schreckhaftigkeit, Veränderungen von

Stimmung und Gedanken sowie teilweise emotionale Taubheit oder dissoziative Symptome

auftreten.


Das Entscheidende dabei ist: Eine traumatische Erfahrung betrifft nicht ausschließlich unsere

Gedanken und Erinnerungen. Auch die Systeme, die Gefahr erkennen und körperliche

Reaktionen darauf koordinieren, können beteiligt sein.



Was passiert bei Gefahr im Körper?


Unser Organismus verfügt über hoch entwickelte Schutzmechanismen. Wird eine Situation als

bedrohlich bewertet, können innerhalb kürzester Zeit verschiedene Stresssysteme aktiviert

werden.

Eine zentrale Rolle spielt dabei das autonome Nervensystem. Der sympathische Anteil

unterstützt den Körper dabei, auf eine mögliche Gefahr zu reagieren. Herzfrequenz und

Atmung können sich verändern, die Aufmerksamkeit steigt und die Muskulatur wird auf

schnelles Handeln vorbereitet.

Parallel dazu ist die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, kurz HPA-

Achse, an der hormonellen Stressantwort beteiligt. Über mehrere Zwischenschritte wird unter

anderem die Ausschüttung von Cortisol reguliert.

Diese Reaktionen sind Teil eines biologischen Schutzsystems.

Problematisch kann es werden, wenn das System auch nach dem Ende einer Gefahr sehr

empfindlich auf bestimmte Reize reagiert.



Warum kann der Körper später wieder reagieren?


Stellen wir uns beispielsweise einen schweren Verkehrsunfall vor.

Während des Ereignisses hört ein Mensch quietschende Reifen, riecht einen bestimmten Geruch, spürt seinen beschleunigten Herzschlag und erlebt gleichzeitig massive Angst.

Monate später reicht möglicherweise bereits ein ähnliches Geräusch, oder ein Geruch aus, um

Unruhe, Herzklopfen oder Muskelanspannung hervorzurufen, obwohl objektiv keine Gefahr

besteht.

Das bedeutet, dass das Gehirn Zusammenhänge zwischen bestimmten Reizen und Gefahr

gelernt hat. Gedächtnisprozesse, emotionale Bewertung und körperliche Stressregulation

greifen dabei ineinander.

Der Körper kann deshalb sehr real auf einen Trigger reagieren, obwohl der betreffende

Mensch rational weiß: „Ich bin gerade sicher.“



„Der Körper erinnert sich“ – stimmt das?


Nach heutigem Kenntnisstand gibt es keine überzeugenden Belege dafür, dass traumatische

Erinnerungen beispielsweise direkt in Muskeln, Faszien oder anderen Körpergeweben

gespeichert werden.

Was sich jedoch beobachten lässt, sind Veränderungen in der Regulation verschiedener

biologischer Systeme.

Bei Menschen mit PTBS wurden beispielsweise Veränderungen der autonomen Regulation

beschrieben. Metaanalysen zur Herzratenvariabilität zeigen im Durchschnitt eine geringere

vagal vermittelte Herzratenvariabilität beziehungsweise Hinweise auf eine veränderte

autonome Regulation. Auch die HPA-Achse wurde intensiv untersucht. Hier sind die

Ergebnisse allerdings komplex und teilweise widersprüchlich; Trauma lässt sich daher

keinesfalls auf einen einfachen „Cortisolüberschuss“ reduzieren.

Der wissenschaftlich treffendere Satz wäre deshalb:

Nicht der Muskel speichert das Trauma, aber Gehirn, Gedächtnis und Stressregulation

können durch traumatische Erfahrungen nachhaltig beeinflusst werden.



Warum können traumatische Belastungen so körperlich

sein?


Psychische und körperliche Prozesse lassen sich nicht vollständig voneinander trennen.

Angst kann beispielsweise mit Herzklopfen, Schwitzen, verändertem Atemmuster,

Muskelanspannung oder Magen-Darm-Reaktionen einhergehen.

Ähnliches gilt für traumabezogene Reaktionen.

Ein bestimmtes Geräusch, ein Geruch, eine Berührung, eine Körperposition oder eine

zwischenmenschliche Situation kann mit einer früheren Erfahrung verknüpft sein. Wird dieses

Netzwerk aktiviert, können neben Bildern und Gedanken auch körperliche Empfindungen

auftreten.

Das erklärt, weshalb manche Menschen sagen:

„Ich weiß eigentlich, dass nichts passiert, aber mein Körper reagiert trotzdem.“

Diese Reaktion zeigt, wie eng Wahrnehmung, Gedächtnis, Emotion und körperliche

Regulation miteinander verbunden sind.



Was ist EMDR?


EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing.


Die Methode wurde ursprünglich zur Behandlung traumatischer Erinnerungen entwickelt und

gehört heute zu den wissenschaftlich anerkannten traumafokussierten

Psychotherapieverfahren bei PTBS.

Während einer EMDR-Behandlung wird eine belastende Erinnerung gezielt aktiviert.

Gleichzeitig erfolgt eine sogenannte bilaterale Stimulation. Häufig folgt die behandelte Person

dabei mit den Augen den Bewegungen der Hand der Therapeutin oder des Therapeuten. Je

nach Vorgehen können auch andere Formen bilateraler Stimulation eingesetzt werden.

Dabei geht es darum, dass die Erinnerung verarbeitet werden kann und mit deutlich weniger

emotionaler und körperlicher Belastung verbunden ist.



Was passiert bei EMDR im Gehirn?


Hier ist eine wissenschaftliche Unterscheidung besonders wichtig:

Dass EMDR bei PTBS wirksam sein kann, ist wesentlich besser belegt als die Frage,

warum EMDR genau funktioniert.

Eine der derzeit gut untersuchten Erklärungen ist die sogenannte

Arbeitsgedächtnishypothese.

Unser Arbeitsgedächtnis verfügt nur über eine begrenzte Verarbeitungskapazität. Wird eine

belastende Erinnerung intensiv abgerufen und gleichzeitig eine zweite Aufgabe ausgeführt –

beispielsweise den Augenbewegungen gefolgt –, konkurrieren beide Prozesse um diese

begrenzten Ressourcen.

Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass Erinnerungen unter solchen Bedingungen

anschließend teilweise als weniger lebhaft und weniger emotional belastend erlebt werden

können.

Das könnte einen Teil der Wirkung von EMDR erklären.

Daneben werden weitere Mechanismen diskutiert, beispielsweise Veränderungen der

physiologischen Aktivierung, Lern- und Gedächtnisprozesse sowie mögliche Prozesse der

erneuten Abspeicherung beziehungsweise Aktualisierung einer Erinnerung.

Für einige dieser Modelle gibt es interessante Hinweise. Einen vollständig geklärten

neurobiologischen Wirkmechanismus von EMDR gibt es bislang jedoch nicht.


Mehr Informationen über EMDR finden Sie in diesem Artikel.



Körper und Psyche sind keine Gegensätze


Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse der modernen Psychosomatik:


Wir müssen uns nicht zwischen einer „körperlichen“ und einer „psychischen“ Erklärung

entscheiden.

Eine Erfahrung entsteht im Gehirn, wird emotional bewertet, beeinflusst unser autonomes

Nervensystem, verändert Aufmerksamkeit und Verhalten und kann gleichzeitig sehr konkrete

körperliche Reaktionen hervorrufen.

Deshalb können sich traumatische Erfahrungen körperlich bemerkbar machen, ohne dass ein

Trauma buchstäblich in einem bestimmten Körpergewebe gespeichert sein muss.

Und genauso kann eine erfolgreiche Verarbeitung dazu führen, dass nicht nur Gedanken und

Gefühle, sondern auch die damit verbundenen körperlichen Alarmreaktionen an Intensität

verlieren.



Fazit

Traumatische Erfahrungen können Spuren in unseren Erinnerungen, unseren emotionalen

Reaktionen, unserem Verhalten und in der Regulation körperlicher Stresssysteme hinterlassen.

Der häufig verwendete Satz „Der Körper speichert Trauma“ beschreibt dieses Erleben

anschaulich, ist biologisch jedoch zu stark vereinfacht.

Unser Gehirn und unsere Stresssysteme lernen aus Erfahrungen. Ein Nervensystem kann

deshalb auf Reize reagieren, die früher mit Gefahr verbunden waren, obwohl die

ursprüngliche Gefahr längst vorüber ist.

EMDR setzt genau an der Verarbeitung belastender Erinnerungen an. Seine Wirksamkeit bei

PTBS ist wissenschaftlich gut untersucht und wird von internationalen Leitlinien anerkannt.

Wie genau einzelne Bestandteile – insbesondere die bilaterale Stimulation – ihre Wirkung

entfalten, wird dagegen weiterhin erforscht.

Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb:


„Was hat mein System gelernt – und wie kann es lernen, dass die Gefahr heute vorbei

ist?“


Quellen

  • World Health Organization (WHO): Mental Health Gap Action Programme (mhGAP) –

    Posttraumatic Stress Disorder (PTSD): Psychological interventions – adults. WHO, aktualisierte

    Empfehlungen 2023.

  • National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Post-traumatic stress disorder (NG116).

    NICE Guideline, 2018, laufend überprüft.

  • U.S. Department of Veterans Affairs & Department of Defense (VA/DoD): Clinical Practice Guideline for Management of Posttraumatic Stress Disorder and Acute Stress Disorder. 2023.

  • Cuijpers, P. et al.: Eye movement desensitization and reprocessing for mental health problems: a

    systematic review and meta-analysis. Cognitive Behaviour Therapy, 2020; 49(3):165–180.

  • Lee, C. W. & Cuijpers, P.: A meta-analysis of the contribution of eye movements in processing

    emotional memories. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 2013; 44(2):231–239.

  • Landin-Romero, R. et al.: How does eye movement desensitization and reprocessing therapy work? A

    systematic review on suggested mechanisms of action. Frontiers in Psychology, 2018; 9:1395.

 
 
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