Trauma im Körper?

Was wir über Stress, Körperreaktionen und EMDR wissen.

Manchmal reagiert unser Körper auf eine Situation, bevor wir bewusst verstehen, was gerade passiert. Vielleicht passiert das durch Herzklopfen, Muskelanspannung, flache Atmung oder durch ein Gefühl von innerer Unruhe.
Besonders im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen wird deshalb häufig davon
gesprochen, dass sich ein Trauma „im Körper speichert“.
Doch was bedeutet das eigentlich? Kann der Körper tatsächlich Erinnerungen speichern?
Und welche Rolle spielt dabei eine traumatherapeutische Methode wie EMDR?
Was ist ein Trauma?
Nicht jedes belastende oder schmerzhafte Erlebnis führt zu einer Traumafolgestörung.
Menschen können auch sehr schwere Ereignisse erleben, ohne anschließend eine
posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zu entwickeln.
Bei einer PTBS können jedoch unter anderem belastende Erinnerungen oder Flashbacks,
Vermeidungsverhalten, erhöhte Wachsamkeit und Schreckhaftigkeit, Veränderungen von
Stimmung und Gedanken sowie teilweise emotionale Taubheit oder dissoziative Symptome
auftreten.
Das Entscheidende dabei ist: Eine traumatische Erfahrung betrifft nicht ausschließlich unsere
Gedanken und Erinnerungen. Auch die Systeme, die Gefahr erkennen und körperliche
Reaktionen darauf koordinieren, können beteiligt sein.
Was passiert bei Gefahr im Körper?
Unser Organismus verfügt über hoch entwickelte Schutzmechanismen. Wird eine Situation als
bedrohlich bewertet, können innerhalb kürzester Zeit verschiedene Stresssysteme aktiviert
werden.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das autonome Nervensystem. Der sympathische Anteil
unterstützt den Körper dabei, auf eine mögliche Gefahr zu reagieren. Herzfrequenz und
Atmung können sich verändern, die Aufmerksamkeit steigt und die Muskulatur wird auf
schnelles Handeln vorbereitet.
Parallel dazu ist die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, kurz HPA-
Achse, an der hormonellen Stressantwort beteiligt. Über mehrere Zwischenschritte wird unter
anderem die Ausschüttung von Cortisol reguliert.
Diese Reaktionen sind Teil eines biologischen Schutzsystems.
Problematisch kann es werden, wenn das System auch nach dem Ende einer Gefahr sehr
empfindlich auf bestimmte Reize reagiert.
Warum kann der Körper später wieder reagieren?
Stellen wir uns beispielsweise einen schweren Verkehrsunfall vor.
Während des Ereignisses hört ein Mensch quietschende Reifen, riecht einen bestimmten Geruch, spürt seinen beschleunigten Herzschlag und erlebt gleichzeitig massive Angst.
Monate später reicht möglicherweise bereits ein ähnliches Geräusch, oder ein Geruch aus, um
Unruhe, Herzklopfen oder Muskelanspannung hervorzurufen, obwohl objektiv keine Gefahr
besteht.
Das bedeutet, dass das Gehirn Zusammenhänge zwischen bestimmten Reizen und Gefahr
gelernt hat. Gedächtnisprozesse, emotionale Bewertung und körperliche Stressregulation
greifen dabei ineinander.
Der Körper kann deshalb sehr real auf einen Trigger reagieren, obwohl der betreffende
Mensch rational weiß: „Ich bin gerade sicher.“
„Der Körper erinnert sich“ – stimmt das?
Nach heutigem Kenntnisstand gibt es keine überzeugenden Belege dafür, dass traumatische
Erinnerungen beispielsweise direkt in Muskeln, Faszien oder anderen Körpergeweben
gespeichert werden.
Was sich jedoch beobachten lässt, sind Veränderungen in der Regulation verschiedener
biologischer Systeme.
Bei Menschen mit PTBS wurden beispielsweise Veränderungen der autonomen Regulation
beschrieben. Metaanalysen zur Herzratenvariabilität zeigen im Durchschnitt eine geringere
vagal vermittelte Herzratenvariabilität beziehungsweise Hinweise auf eine veränderte
autonome Regulation. Auch die HPA-Achse wurde intensiv untersucht. Hier sind die
Ergebnisse allerdings komplex und teilweise widersprüchlich; Trauma lässt sich daher
keinesfalls auf einen einfachen „Cortisolüberschuss“ reduzieren.
Der wissenschaftlich treffendere Satz wäre deshalb:
Nicht der Muskel speichert das Trauma, aber Gehirn, Gedächtnis und Stressregulation
können durch traumatische Erfahrungen nachhaltig beeinflusst werden.
Warum können traumatische Belastungen so körperlich
sein?
Psychische und körperliche Prozesse lassen sich nicht vollständig voneinander trennen.
Angst kann beispielsweise mit Herzklopfen, Schwitzen, verändertem Atemmuster,
Muskelanspannung oder Magen-Darm-Reaktionen einhergehen.
Ähnliches gilt für traumabezogene Reaktionen.
Ein bestimmtes Geräusch, ein Geruch, eine Berührung, eine Körperposition oder eine
zwischenmenschliche Situation kann mit einer früheren Erfahrung verknüpft sein. Wird dieses
Netzwerk aktiviert, können neben Bildern und Gedanken auch körperliche Empfindungen
auftreten.
Das erklärt, weshalb manche Menschen sagen:
„Ich weiß eigentlich, dass nichts passiert, aber mein Körper reagiert trotzdem.“
Diese Reaktion zeigt, wie eng Wahrnehmung, Gedächtnis, Emotion und körperliche
Regulation miteinander verbunden sind.
Was ist EMDR?
EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing.
Die Methode wurde ursprünglich zur Behandlung traumatischer Erinnerungen entwickelt und
gehört heute zu den wissenschaftlich anerkannten traumafokussierten
Psychotherapieverfahren bei PTBS.
Während einer EMDR-Behandlung wird eine belastende Erinnerung gezielt aktiviert.
Gleichzeitig erfolgt eine sogenannte bilaterale Stimulation. Häufig folgt die behandelte Person
dabei mit den Augen den Bewegungen der Hand der Therapeutin oder des Therapeuten. Je
nach Vorgehen können auch andere Formen bilateraler Stimulation eingesetzt werden.
Dabei geht es darum, dass die Erinnerung verarbeitet werden kann und mit deutlich weniger
emotionaler und körperlicher Belastung verbunden ist.
Was passiert bei EMDR im Gehirn?
Hier ist eine wissenschaftliche Unterscheidung besonders wichtig:
Dass EMDR bei PTBS wirksam sein kann, ist wesentlich besser belegt als die Frage,
warum EMDR genau funktioniert.
Eine der derzeit gut untersuchten Erklärungen ist die sogenannte
Arbeitsgedächtnishypothese.
Unser Arbeitsgedächtnis verfügt nur über eine begrenzte Verarbeitungskapazität. Wird eine
belastende Erinnerung intensiv abgerufen und gleichzeitig eine zweite Aufgabe ausgeführt –
beispielsweise den Augenbewegungen gefolgt –, konkurrieren beide Prozesse um diese
begrenzten Ressourcen.
Experimentelle Untersuchungen zeigen, dass Erinnerungen unter solchen Bedingungen
anschließend teilweise als weniger lebhaft und weniger emotional belastend erlebt werden
können.
Das könnte einen Teil der Wirkung von EMDR erklären.
Daneben werden weitere Mechanismen diskutiert, beispielsweise Veränderungen der
physiologischen Aktivierung, Lern- und Gedächtnisprozesse sowie mögliche Prozesse der
erneuten Abspeicherung beziehungsweise Aktualisierung einer Erinnerung.
Für einige dieser Modelle gibt es interessante Hinweise. Einen vollständig geklärten
neurobiologischen Wirkmechanismus von EMDR gibt es bislang jedoch nicht.
Mehr Informationen über EMDR finden Sie in diesem Artikel.
Körper und Psyche sind keine Gegensätze
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse der modernen Psychosomatik:
Wir müssen uns nicht zwischen einer „körperlichen“ und einer „psychischen“ Erklärung
entscheiden.
Eine Erfahrung entsteht im Gehirn, wird emotional bewertet, beeinflusst unser autonomes
Nervensystem, verändert Aufmerksamkeit und Verhalten und kann gleichzeitig sehr konkrete
körperliche Reaktionen hervorrufen.
Deshalb können sich traumatische Erfahrungen körperlich bemerkbar machen, ohne dass ein
Trauma buchstäblich in einem bestimmten Körpergewebe gespeichert sein muss.
Und genauso kann eine erfolgreiche Verarbeitung dazu führen, dass nicht nur Gedanken und
Gefühle, sondern auch die damit verbundenen körperlichen Alarmreaktionen an Intensität
verlieren.
Fazit
Traumatische Erfahrungen können Spuren in unseren Erinnerungen, unseren emotionalen
Reaktionen, unserem Verhalten und in der Regulation körperlicher Stresssysteme hinterlassen.
Der häufig verwendete Satz „Der Körper speichert Trauma“ beschreibt dieses Erleben
anschaulich, ist biologisch jedoch zu stark vereinfacht.
Unser Gehirn und unsere Stresssysteme lernen aus Erfahrungen. Ein Nervensystem kann
deshalb auf Reize reagieren, die früher mit Gefahr verbunden waren, obwohl die
ursprüngliche Gefahr längst vorüber ist.
EMDR setzt genau an der Verarbeitung belastender Erinnerungen an. Seine Wirksamkeit bei
PTBS ist wissenschaftlich gut untersucht und wird von internationalen Leitlinien anerkannt.
Wie genau einzelne Bestandteile – insbesondere die bilaterale Stimulation – ihre Wirkung
entfalten, wird dagegen weiterhin erforscht.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb:
„Was hat mein System gelernt – und wie kann es lernen, dass die Gefahr heute vorbei
ist?“
Quellen
World Health Organization (WHO): Mental Health Gap Action Programme (mhGAP) –
Posttraumatic Stress Disorder (PTSD): Psychological interventions – adults. WHO, aktualisierte
Empfehlungen 2023.
National Institute for Health and Care Excellence (NICE): Post-traumatic stress disorder (NG116).
NICE Guideline, 2018, laufend überprüft.
U.S. Department of Veterans Affairs & Department of Defense (VA/DoD): Clinical Practice Guideline for Management of Posttraumatic Stress Disorder and Acute Stress Disorder. 2023.
Cuijpers, P. et al.: Eye movement desensitization and reprocessing for mental health problems: a
systematic review and meta-analysis. Cognitive Behaviour Therapy, 2020; 49(3):165–180.
Lee, C. W. & Cuijpers, P.: A meta-analysis of the contribution of eye movements in processing
emotional memories. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 2013; 44(2):231–239.
Landin-Romero, R. et al.: How does eye movement desensitization and reprocessing therapy work? A
systematic review on suggested mechanisms of action. Frontiers in Psychology, 2018; 9:1395.



