Warum reagieren manche Menschen stärker auf Stress als andere?
- Sophia Sandig

- 4. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Stress gehört zum Leben dazu. Doch während manche Menschen auch in herausfordernden
Situationen ruhig bleiben, reagieren andere mit Herzrasen, Schlafproblemen, innerer Unruhe
oder körperlichen Beschwerden.
Woran liegt das?
Die Antwort ist komplex, denn unsere Stressreaktion entsteht aus einem Zusammenspiel von
Biologie, Erfahrungen und Persönlichkeit.
Die Stressreaktion ist individuell programmiert
Wenn wir unter Druck geraten, aktiviert unser Körper ein uraltes Schutzsystem: die
sogenannte Stressachse (HPA-Achse). Dabei werden Hormone wie Cortisol ausgeschüttet, die
den Körper in Alarmbereitschaft versetzen. Kurzfristig ist das sinnvoll – langfristig kann es
jedoch belastend werden.
Doch wie stark dieses System reagiert, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.
1. Das Nervensystem: Manche stehen dauerhaft „unter Strom“
Ein zentraler Faktor ist das vegetative Nervensystem. Es steuert unbewusst, ob wir im
Aktivitätsmodus (Sympathikus) oder im Entspannungsmodus (Parasympathikus) sind.
Bei manchen Menschen bleibt der Körper auch ohne akute Gefahr in Alarmbereitschaft:
schneller Puls
Muskelanspannung
innere Unruhe
Schlafprobleme
Diese Menschen reagieren empfindlicher auf Stress, weil ihr System schneller „hochfährt“ –
und langsamer wieder herunterreguliert.
2. Erfahrungen prägen die Stressreaktion
Unsere Stressverarbeitung wird stark durch unsere Lebensgeschichte beeinflusst.
Frühe Erfahrungen wie:
Leistungsdruck in der Kindheit
emotionale Unsicherheit
belastende oder traumatische Ereignisse
können dazu führen, dass das Nervensystem sensibler reagiert.
Das Gehirn „lernt“ gewissermaßen: Die Welt ist anstrengend oder unsicher – und bleibt
schneller in Alarmbereitschaft.
3. Emotionale Verarbeitung: Wenn Gefühle im Körper landen
Studien zeigen, dass manche Menschen stärker körperlich auf emotionale Reize reagieren, oft
ohne sich dessen bewusst zu sein.
Das bedeutet, dass Gefühle weniger bewusst wahrgenommen werden aber sich dafür stärker
körperlich ausdrücken z.B. durch Zittern, Schmerzen oder Herzrasen.
Gerade bei funktionellen Beschwerden zeigt sich, dass Körperreaktionen auf Stress intensiver
ausfallen können.
Der Körper übernimmt dann gewissermaßen die „Sprache“, wenn Gefühle nicht direkt
verarbeitet werden.
4. Hormone und Immunsystem: Stress wirkt nicht bei allen gleich
Chronischer Stress beeinflusst mehrere Systeme gleichzeitig:
Hormonsystem: erhöhtes Cortisol
Immunsystem: höhere Infektanfälligkeit
Stoffwechsel: erhöhte Anspannung und Erschöpfung
Interessant ist: Nicht alle Menschen reagieren gleich stark darauf.
Einige entwickeln schneller Symptome wie:
häufige Infekte
Erschöpfung
körperliche Beschwerden ohne Befund
Andere bleiben trotz Belastung stabiler.
5. Genetik und Epigenetik: Stress kann „gelernt“ werden
Ein oft unterschätzter Faktor ist die genetische und epigenetische Prägung.
Das bedeutet:
Manche Menschen haben von Natur aus ein sensibleres Stresssystem
Lebensstil, Stress und Erfahrungen können Gene „an- oder ausschalten“
Stressreaktionen können sich über Jahre verstärken oder abschwächen
Unser Körper speichert also gewissermaßen Erfahrungen – und reagiert entsprechend.
6. Persönlichkeit und innere Antreiber
Auch unsere Denk- und Verhaltensmuster spielen eine große Rolle.
Menschen, die besonders stark auf Stress reagieren, haben häufig:
hohe Ansprüche an sich selbst
Perfektionismus
Schwierigkeiten, Grenzen zu setzen
ein starkes Verantwortungsgefühl
Diese inneren Antreiber führen dazu, dass Stress nicht nur von außen kommt, sondern auch
von innen entsteht.
Beispiel:
Micha, 32, arbeitet im Büro. Während seine Kolleg:innen stressige Phasen gut bewältigen,
leidet er unter Herzrasen, Schlafproblemen und Verspannungen.
Medizinisch ist alles unauffällig.
In der Therapie wird deutlich, dass Micha unter ständigem innerem Druck steht, „alles richtig
zu machen“. Sein Nervensystem ist selbst in Ruhephasen dauerhaft im Alarmmodus.
Erst als er lernt, seine Stressmuster zu erkennen und zu regulieren, verbessern sich auch die
körperlichen Symptome.
Was hilft, wenn man stark auf Stress reagiert?
Die gute Nachricht: Stressreaktionen sind veränderbar.
Hilfreich sind vor allem:
1. Nervensystem regulieren
Atemübungen
Entspannungstechniken
körperorientierte Therapie
2. Emotionen wahrnehmen und verarbeiten
Achtsamkeit
psychotherapeutische Methoden
z. B. EMDR bei belastenden Erfahrungen
3. Stressmuster erkennen
eigene Grenzen wahrnehmen
Perfektionismus hinterfragen
realistische Erwartungen entwickeln
4. Körper einbeziehen
Bewegung
Physiotherapie
bewusste Körperwahrnehmung
Fazit: Stressreaktion ist kein Zufall
Warum manche Menschen stärker auf Stress reagieren als andere, hat viele Gründe:
Nervensystem
Erfahrungen
emotionale Verarbeitung
Hormone
Persönlichkeit
Die Reaktion ist also kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck eines sensiblen und oft überlasteten Systems.
Wer diese Zusammenhänge versteht, kann lernen, den eigenen Körper besser zu regulieren und wieder mehr innere Ruhe finden.
Quellen
Bauer, J. (2019). Das Gedächtnis des Körpers. Piper Verlag.
Sojka P. et al. (2018). Processing of Emotion in Functional Neurological Disorder.
Brosschot JF et al. (2023). Chronic stress and the autonomic nervous system.
Thayer JF & Lane RD (2022). Neurovisceral Integration and Heart Rate Variability.



