Hypochondrie – Wenn die Angst vor Krankheit selbst krankmacht
- Sophia Sandig

- 28. Apr.
- 3 Min. Lesezeit

Viele Menschen achten auf ihren Körper und das ist grundsätzlich sinnvoll. Doch was
passiert, wenn jede kleine Veränderung sofort Sorge auslöst? Wenn harmlose Symptome als
Hinweis auf eine schwere Erkrankung interpretiert werden?
In diesem Fall kann es sich um Hypochondrie handeln – heute in der Fachsprache häufig als
Krankheitsangststörung bezeichnet.
Dieser Artikel erklärt, was hinter Hypochondrie steckt, wie sie entsteht und was Betroffenen
helfen kann.
Was ist Hypochondrie?
Hypochondrie beschreibt eine anhaltende, intensive Angst, ernsthaft krank zu sein, trotz
medizinischer Abklärung und unauffälliger Befunde.
Typisch ist dabei:
Ständiges Beobachten des eigenen Körpers
Überinterpretation harmloser Symptome (z. B. Herzstolpern, Kopfschmerzen)
Häufige Arztbesuche – oder im Gegenteil: Vermeidung aus Angst vor Diagnosen
Intensive Internetrecherche („Cyberchondrie“)
Wichtig:
Die Beschwerden sind nicht eingebildet. Die Angst ist real und oft sehr belastend.
Warum reagiert der Körper so stark?
Um Hypochondrie zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die enge Verbindung zwischen
Psyche und Körper.
Unser Nervensystem reagiert sensibel auf Stress und Angst. Wird es dauerhaft aktiviert, kann
es zu körperlichen Symptomen kommen wie:
Herzrasen
Schwindel
Magen-Darm-Beschwerden
Muskelverspannungen
Diese Symptome entstehen durch Stressreaktionen im Körper z.B. über Hormone oder das
vegetative Nervensystem.
Diese körperlichen Reaktionen werden dann wiederum als „Beweis“ für eine Erkrankung
interpretiert und es entsteht ein Teufelskreis.
Wie entsteht Hypochondrie?
Hypochondrie entwickelt sich meist nicht plötzlich, sondern über mehrere Einflussfaktoren:
1. Erlernte Aufmerksamkeit auf den Körper
Manche Menschen haben früh gelernt, besonders stark auf körperliche Signale zu achten.
Etwa durch:
Krankheiten in der Familie
Übermäßige medizinische Fokussierung
Eigene belastende Krankheitserfahrungen
Der Körper wird dadurch ständig „gescannt“.
2. Stress und emotionale Belastung
Chronischer Stress bringt das Nervensystem in einen dauerhaften Alarmzustand.
Dadurch:
werden Körpersignale intensiver wahrgenommen
steigt die körperliche Erregung
sinkt die Fähigkeit zur realistischen Einschätzung
Ähnlich wie bei anderen psychosomatischen Beschwerden kann der Körper auf emotionale
Belastung reagieren – oft unbewusst.
3. Angst verstärkt die Wahrnehmung
Angst wirkt wie ein Verstärker:
Der Fokus liegt stärker auf dem Körper
Normale Empfindungen wirken plötzlich bedrohlich
Aufmerksamkeit erhöht die Intensität der Wahrnehmung
Beispiel:
Ein leicht erhöhter Puls wird nicht mehr als normale Reaktion interpretiert, sondern als
mögliches Zeichen einer Herzerkrankung.
4. Gedankenmuster und Kontrollbedürfnis
Typische innere Überzeugungen sind:
„Ich muss jede Krankheit früh erkennen“
„Wenn ich etwas übersehe, hat das schlimme Folgen“
„Mein Körper ist anfällig“
Diese Gedanken führen zu ständiger Kontrolle – und damit zu noch mehr Unsicherheit.
Der Teufelskreis der Hypochondrie
Hypochondrie folgt oft einem Muster:
Körperempfindung (z. B. Herzklopfen)
Katastrophengedanke („Ich habe etwas am Herzen“)
Angstreaktion im Körper
Verstärkung der Symptome
Kontrolle / Arztbesuch / Googeln
Kurzfristige Beruhigung
Neue Zweifel
Dieser Kreislauf stabilisiert sich selbst und wird mit der Zeit immer stärker.
Was hilft bei Hypochondrie?
Ein ganzheitlicher Ansatz hat sich besonders bewährt:
1. Verstehen, was im Körper passiert
Der erste Schritt ist Aufklärung:
Körperreaktionen sind oft Stressreaktionen
Symptome bedeuten nicht automatisch Krankheit
Angst kann körperliche Beschwerden verstärken
Allein dieses Verständnis kann bereits entlastend wirken.
2. Umgang mit Aufmerksamkeit lernen
Das Ziel ist nicht, den Körper zu ignorieren, sondern ihn realistischer wahrzunehmen:
Aufmerksamkeit bewusst lenken (weg vom ständigen „Scannen“)
Körperwahrnehmung üben (z. B. über Achtsamkeit)
Unterschiede zwischen „Gefahr“ und „Empfindung“ erkennen
3. Gedanken hinterfragen
In der Therapie werden typische Denkmuster überprüft:
Ist dieser Gedanke realistisch?
Gibt es andere Erklärungen für das Symptom?
Wie oft hat sich meine Angst bestätigt?
So entsteht schrittweise mehr Sicherheit.
4. Stress und Nervensystem regulieren
Da Hypochondrie eng mit dem Nervensystem verbunden ist, helfen körperorientierte
Methoden:
Atemübungen
Entspannungstechniken
Bewegung
Körpertherapie
Diese Ansätze können den Körper aus dem „Alarmmodus“ holen und Symptome reduzieren.
5. Psychotherapeutische Unterstützung
Besonders wirksam sind:
kognitive Verhaltenstherapie
achtsamkeitsbasierte Verfahren
EMDR bei zugrunde liegenden belastenden Erfahrungen
Diese helfen, die Ursachen zu verstehen und neue Strategien zu entwickeln.
Fazit:
Hypochondrie zeigt eindrucksvoll, wie eng Körper und Psyche zusammenarbeiten.
Die Symptome sind real, doch ihre Ursache liegt häufig nicht in einer körperlichen
Erkrankung, sondern in der Verarbeitung von Angst, Stress und innerer Anspannung.
Wer diesen Zusammenhang versteht, kann beginnen, den Teufelskreis zu durchbrechen – und Schritt für Schritt wieder Vertrauen in den eigenen Körper entwickeln.
Quellen
Bauer, J. (2019). Das Gedächtnis des Körpers. Piper Verlag.
Sojka P. et al. (2018). Processing of Emotion in Functional Neurological Disorder.
American Psychiatric Association (DSM-5): Illness Anxiety Disorder
Henningsen, P. (2018): Somatic symptom disorders and health anxiety
Tyrer, P. (2018): Recent advances in the understanding and treatment of health anxiety



