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Wie erkennt man psychosomatischeErkrankungen?

  • Autorenbild: Sophia Sandig
    Sophia Sandig
  • 4. Mai
  • 3 Min. Lesezeit

Psychosomatische Erkrankungen gehören zu den häufigsten, aber zugleich am schwersten

erkennbaren Gesundheitsproblemen. Betroffene leiden unter realen körperlichen Beschwerden

aber oft ohne eindeutigen organischen Befund. Das führt nicht selten zu Verunsicherung,

langen Arztwegen und dem Gefühl, „nicht ernst genommen“ zu werden.

Körper und Psyche sind untrennbar miteinander verbunden. Die Fähigkeit, psychosomatische

Beschwerden frühzeitig zu erkennen, ist daher ein entscheidender Schritt hin zu einer

wirksamen Behandlung.



Was sind psychosomatische Erkrankungen?


Der Begriff „psychosomatisch“ beschreibt das Zusammenspiel von psychischen (psyche) und

körperlichen (soma) Prozessen. Dabei handelt es sich nicht um eingebildete Symptome,

sondern um echte körperliche Beschwerden, die durch psychische Belastungen mitverursacht

oder verstärkt werden.

Typische Beispiele sind:

  • chronische Schmerzen (z. B. Rücken, Kopf)

  • Magen-Darm-Beschwerden

  • Herzrasen oder Druck auf der Brust

  • Schwindel oder Atembeschwerden

  • Hautreaktionen


Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und zahlreiche Leitlinien betonen, dass

psychosomatische Prozesse eine zentrale Rolle bei vielen chronischen Erkrankungen spielen.



Typische Hinweise auf psychosomatische Beschwerden


Psychosomatische Erkrankungen lassen sich selten an einem einzelnen Symptom erkennen.

Vielmehr ergibt sich ein Muster aus verschiedenen Hinweisen.


1. Körperliche Beschwerden ohne klare organische Ursache

Ein zentrales Merkmal ist, dass trotz gründlicher medizinischer Untersuchungen keine

ausreichende körperliche Ursache gefunden wird.

Das bedeutet nicht, dass „nichts da ist“, sondern dass die Ursache funktionell ist, also in der

Regulation von Nervensystem, Hormonen und Stressverarbeitung liegt.


2. Wechselnde oder diffuse Symptome

Psychosomatische Beschwerden sind häufig:

  • wechselnd in ihrer Intensität

  • schwer eindeutig zuzuordnen

  • gleichzeitig in mehreren Organsystemen vorhanden

Beispiel:

Heute Magenprobleme, morgen Kopfschmerzen, später Verspannungen oder Herzklopfen.


3. Zusammenhang mit Stress oder emotionaler Belastung

Ein sehr wichtiger Hinweis ist der zeitliche Zusammenhang zwischen Beschwerden und

psychischer Belastung:

  • Symptome treten in stressigen Phasen auf

  • sie verschlechtern sich bei Konflikten oder Überforderung

  • sie bessern sich in entspannten Situationen

Studien zeigen, dass Stress über die sogenannte HPA-Achse (Stressachse) direkten Einfluss

auf Herz, Darm, Immunsystem und Muskulatur hat (McEwen, 2017).


4. Verstärkung in Ruhe oder nachts

Viele Betroffene berichten, dass Beschwerden besonders dann auftreten, wenn sie zur Ruhe

kommen:

  • abends im Bett

  • im Urlaub

  • am Wochenende

Das liegt daran, dass der Körper dann weniger abgelenkt ist und innere Spannungen stärker

wahrgenommen werden.


5. Begleitende psychische Symptome

Psychosomatische Erkrankungen gehen häufig einher mit:

  • innerer Unruhe

  • Ängsten

  • Grübeln

  • Erschöpfung

  • Schlafstörungen

Wichtig: Diese Symptome müssen nicht immer bewusst wahrgenommen werden. Oft äußert

sich die Belastung primär über den Körper.


6. Hohe Körpersensibilität

Viele Betroffene nehmen körperliche Signale besonders intensiv wahr:

  • Herzschlag wird stark gespürt

  • kleine Schmerzen werden als bedrohlich erlebt

  • erhöhte Aufmerksamkeit auf den Körper

Die Forschung spricht hier von einer veränderten „interozeptiven Wahrnehmung“



Warum entstehen psychosomatische Beschwerden?


Die Entstehung ist multifaktoriell und wissenschaftlich gut untersucht. Wichtige

Mechanismen sind:


1. Chronischer Stress

Dauerhafte Aktivierung des Nervensystems führt zu:

  • Muskelanspannung

  • Verdauungsstörungen

  • Herz-Kreislauf-Reaktionen


2. Emotionale Unterdrückung

Nicht verarbeitete Gefühle wie Angst, Wut oder Trauer können sich körperlich ausdrücken.


3. Vegetative Dysregulation

Ein Ungleichgewicht zwischen Sympathikus (Stress) und Parasympathikus (Erholung) hält

den Körper im „Alarmmodus“.


4. Lernprozesse im Gehirn

Der Körper kann bestimmte Reaktionsmuster „lernen“ und immer wieder abrufen – auch ohne

aktuellen Auslöser.



Abgrenzung: Wann sollte unbedingt medizinisch abgeklärt

werden?


Psychosomatisch bedeutet nicht, dass keine körperliche Diagnostik notwendig ist.

Eine ärztliche Abklärung ist immer erforderlich bei:

  • neuen oder plötzlich starken Beschwerden

  • anhaltenden Schmerzen

  • unklaren neurologischen Symptomen

  • Herzbeschwerden oder Atemnot

Erst wenn organische Ursachen ausgeschlossen sind, kann eine psychosomatische Einordnung

erfolgen.



Wie wird die Diagnose gestellt?


Es gibt keinen einzelnen Test. Die Diagnose erfolgt durch:

  • ausführliche ärztliche Untersuchung

  • Ausschluss körperlicher Erkrankungen

  • Anamnese (Lebenssituation, Stress, Belastungen)

  • Erkennen typischer Muster

Moderne Leitlinien (z. B. S3-Leitlinie Somatische Belastungsstörung) empfehlen

ausdrücklich eine ganzheitliche Betrachtung.


Fazit:

Der Körper spricht – man muss lernen, ihn zu

verstehen

Psychosomatische Erkrankungen sind keine seltene Ausnahme, sondern ein häufiges

Phänomen unserer Zeit. Sie zeigen, dass Körper und Psyche eng miteinander verbunden sind.

Typische Hinweise sind:

  • Beschwerden ohne klare organische Ursache

  • Zusammenhang mit Stress

  • wechselnde Symptome

  • Begleitsymptome wie Unruhe oder Erschöpfung

Wer diese Signale früh erkennt, kann gezielt gegensteuern und den Körper nicht mehr nur als

„Problem“, sondern als wichtigen Hinweisgeber verstehen.


Quellen

  • World Health Organization (WHO): International Classification of Diseases (ICD-11)

  • Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin (DGPM): Leitlinien zur

    psychosomatischen Diagnostik

  • S3-Leitlinie „Funktionelle Körperbeschwerden“ (AWMF)

  • McEwen BS (2017): Neurobiological and systemic effects of chronic stress. Nature

    Medicine

  • Khalsa SS et al. (2018): Interoception and mental health. Biological Psychiatry

  • Henningsen P et al. (2018): Management of functional somatic syndromes. The Lancet

    Psychiatry

 
 
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