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Migräne und Kopfschmerzen – wenn das Nervensystem Alarm schlägt

  • Autorenbild: Sophia Sandig
    Sophia Sandig
  • 8. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Viele Menschen kennen es: Der Kopf dröhnt, jeder Schritt tut weh, Licht ist unerträglich –

und am liebsten würden Sie sich nur noch in ein abgedunkeltes Zimmer zurückziehen. Für

einige ist es „nur“ ein gelegentlicher Kopfschmerz, für andere sind es heftige

Migräneattacken, die den Alltag regelmäßig lahmlegen.



Migräne oder „nur“ Kopfschmerzen? – der Unterschied


Migräne ist eine eigenständige neurologische Erkrankung, keine „normale“ Form von

Kopfschmerzen.

Typisch sind:

  • mittelstarke bis starke, meist halbseitige, pulsierende Schmerzen

  • Verstärkung bei körperlicher Aktivität

  • Begleiterscheinungen wie Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit

  • Attackendauer von 4 bis 72 Stunden 


Es gibt zwei Hauptformen:

  • Migräne ohne Aura – die häufigste Form


  • Migräne mit Aura – hier gehen den Kopfschmerzen z.B. Flimmersehen,

    Gesichtsfeldausfälle oder Kribbelgefühle voraus 

    In Deutschland erfüllen etwa 14,8 % der Frauen und 6 % der Männer die Kriterien für

    Migräne. Spannungskopfschmerzen betreffen ebenfalls viele Menschen – und nicht selten

    liegen beide Formen gleichzeitig vor. 


Spannungskopfschmerz – der „Alltagskopfschmerz“


Der Spannungskopfschmerz fühlt sich meist anders an:

  • beidseitiger Druck oder „Band um den Kopf“

  • dumpf, drückend statt pulsierend

  • eher leicht bis mittelstark

  • Alltagsaktivitäten sind noch möglich, Übelkeit fehlt meist

Er zählt zu den häufigsten primären Kopfschmerzen weltweit. Studien zeigen eine große

Verbreitung, besonders im jungen bis mittleren Erwachsenenalter – und einen engen

Zusammenhang mit Stress, muskulärer Anspannung und psychosozialen Belastungen. 



Migräne und was im Gehirn passiert


Migräne ist keine Einbildung und auch kein „einfacher Gefäßkrampf“, wie man früher dachte.

Moderne Forschung beschreibt vor allem drei Bausteine:

1. Das trigeminovaskuläre System

  • Der Trigeminusnerv versorgt große Teile von Kopf, Gesicht und Hirnhäuten mit

    Schmerzfasern.

  • Bei Migräne wird dieses System überempfindlich.

  • Es werden Botenstoffe freigesetzt, die zu einer entzündungsähnlichen Reaktion an den

    Hirnhäuten führen – das wird als Kopfschmerz wahrgenommen. 


2. Kortikale „Sturmwellen“ – die Aura

Bei Migräne mit Aura kann sich im Gehirn eine Art elektrische Welle ausbreiten.

  • Sie bewegt sich langsam über die Hirnrinde,

  • stört vorübergehend die Funktion bestimmter Bereiche (z.B. Sehen, Sprache,

    Sensibilität)

  • und kann den Migränekopfschmerz mit auslösen. 


3. Überempfindliches Nervensystem

Mit der Zeit kann sich das Nervensystem sensibilisieren: Schmerzbahnen werden „lernfähig“

und reagieren schneller und stärker. So kann aus einer anfangs episodischen Migräne eine

chronische Migräne werden – mit Kopfschmerzen an > 15 Tagen pro Monat, davon > 8 mit

Migränemerkmalen über mindestens 3 Monate. 



Psychische Faktoren: Warum Stress Migräne und

Kopfschmerzen verstärken kann


Migräne und Spannungskopfschmerz sind neurologische Erkrankungen – aber sie werden

stark von Psyche, Stress und Lebensumfeld beeinflusst.


Stress, Anspannung und Lebensereignisse

  • Viele Betroffene berichten, dass Attacken besonders in Belastungsphasen oder direkt

    in der Entspannung danach auftreten – ähnlich wie bei der bekannten

    „Freizeitkrankheit“. Darüber könne Sie hier einen Artikel lesen.

  • Bei Spannungskopfschmerz zeigen Studien: chronischer Stress und andauernde

    Überforderung sind zentrale Risikofaktoren. 

  • Auch bei Migräne sind stressige Lebensereignisse ein Faktor für die Chronifizierung. 


Trauma, Angst und Depression

Neuere Untersuchungen zeigen:

  • Menschen mit Migräne haben häufiger Angststörungen und depressive Symptome, als

    die Allgemeinbevölkerung. 

  • Frühe Belastungen oder Traumata und PTBS stehen in engem Zusammenhang mit

    (chronischer) Migräne. 

    Ein aktueller Übersichtsartikel betont, dass psychologische Faktoren nicht nur die Emotionen,

    sondern auch die Schmerzverarbeitung im Gehirn beeinflussen – über gemeinsame Netzwerke

    und Botenstoffe. 


Beispiel:


Nina, 32, Marketingmanagerin in Dresden, kommt in die Praxis wegen seit Jahren

bestehenden Kopfschmerzen. Mehrmals im Monat hat sie Migräneattacken mit Übelkeit und

Lichtempfindlichkeit, dazwischen häufig drückende Spannungskopfschmerzen im Hinterkopf.

Neurologische Untersuchungen und ein MRT sind unauffällig. Im Gespräch zeigt sich:

  • hoher Leistungsanspruch, viele Überstunden

  • kaum Pausen, unregelmäßiges Essen

  • abends „fährt der Kopf weiter Karussell“ – Schlafstörungen

  • große Verantwortung im Job und privat


In der Behandlung lernt Nina:

  • ihren Alltag so zu strukturieren, dass Pausen und Schlaf wieder Platz bekommen

  • mit Atem- und Körperübungen das vegetative Nervensystem zu beruhigen

  • alte Stressmuster und innere Antreiber mithilfe von Psychotherapie und EMDR zu

    bearbeiten


Nach einigen Wochen berichtet sie: weniger Migräneattacken, Spannungsgefühle im Nacken

lassen nach, sie kann Signale ihres Körpers früher wahrnehmen – und rechtzeitig

gegensteuern.



Wann zum Arzt?


Wichtig ist:

  • Plötzlich einsetzende, stärkste Kopfschmerzen, neurologische Ausfälle (Lähmungen,

    Sprachstörungen, Sehstörungen), Fieber oder Nackensteife sind immer ein Notfall und

    müssen sofort ärztlich abgeklärt werden.

  • Auch wiederkehrende Migräne oder häufige Spannungskopfschmerzen sollten

    neurologisch und ggf. internistisch untersucht werden, um andere Ursachen

    auszuschließen.

    Erst wenn die medizinische Basisdiagnostik unauffällig ist, lohnt sich der vertiefte Blick auf

    Psyche, Stress und Lebensstil – oft ist das der Schlüssel zu nachhaltiger Besserung.


Was hilft bei Migräne und Kopfschmerzen?


Ganzheitliche Ansätze


1. Medizinische Behandlung

Je nach Diagnose kommen u.a. infrage:


  • Akutmedikation: z.B. NSAR (Ibuprofen, Naproxen), Triptane oder neuere CGRP-

    Hemmer zur Attackenbehandlung 

  • Vorbeugung (Prophylaxe) bei häufiger Migräne:

    a) klassische Medikamente (z.B. bestimmte Betablocker, Antidepressiva,

Antikonvulsiva)

b) neuere Substanzen wie CGRP-Antikörper

c) Botox-Injektionen bei chronischer Migräne – je nach Befund und Leitlinie

Die Wahl erfolgt individuell mit der behandelnden Neurologin/dem Neurologen.


2. Lebensstil & Selbstfürsorge

Gerade bei primären Kopfschmerzen sind stabile Rahmenbedingungen enorm hilfreich:


  • regelmäßiger Schlaf (möglichst konstante Schlafenszeiten)

  • ausgewogene Ernährung ohne starke Blutzuckerspitzen – mehr dazu in meinem

    Artikel zur Ernährung und Psyche 

  • ausreichend Trinken

  • Bewegung (Spaziergänge, moderater Ausdauersport)

  • sorgsamer Umgang mit Koffein und Alkohol


Für Spannungskopfschmerzen spielen zusätzlich eine Rolle:

  • Bildschirm- und Haltungspausen

  • Dehnungen für Nacken und Schultern

  • Kräftigung der Rumpf- und Halsmuskulatur 


3. Physiotherapie und Körperarbeit

Gerade bei Spannungskopfschmerzen und Mischbildern sind körperorientierte Verfahren ein

wichtiger Baustein:


  • Manuelle Techniken zur Lösung von Muskelverspannungen

  • Schulung von Körperwahrnehmung („Wann zieht sich mein Nacken zusammen?“)

  • Atemtherapie zur Aktivierung des Parasympathikus – des „Ruhemodus“ unseres

    Nervensystems

  • Haltungsschulung und alltagstaugliche Übungen

    Studien zeigen, dass Physiotherapie über das vegetative Nervensystem auch das seelische

    Gleichgewicht positiv beeinflussen kann.


4. Psychosomatik, EMDR und psychotherapeutische Begleitung


Da Migräne und Kopfschmerzen eng mit Stress, Emotionen und Lebensgeschichte verbunden

sind, lohnt sich oft die begleitende psychotherapeutische Arbeit:

  • Erkennen von inneren Antreibern („Ich muss immer funktionieren“, Perfektionismus)

  • Umgang mit Ängsten („Was, wenn die Migräne wieder kommt?“)

  • Bearbeitung von belastenden Erfahrungen oder Traumafolgestörungen

  • Aufbau gesunder Grenzen und Pausen

Aktuelle Arbeiten zeigen, dass psychologische Faktoren die Schmerzverarbeitung und

Attackenhäufigkeit messbar beeinflussen. 


Migräne & Kopfschmerzen verstehen – und neue Wege

gehen


Migräne und Kopfschmerzen sind häufig – aber in den meisten Fällen können sie positiv

beeinflusst werden.

Die Forschung zeigt klar:

  • Migräne ist eine neurologische Erkrankung mit komplexer Schmerzverarbeitung. 

  • Stress, Psyche, frühe Erfahrungen und Lebensstil können Häufigkeit und Stärke der

    Beschwerden deutlich beeinflussen. 

  • Die besten Ergebnisse erzielen Konzepte, die medizinische, psychosomatische und

    körperorientierte Ansätze kombinieren.


Wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihre Kopfschmerzen oder Migräne Ihr Leben einengen, Sie

aber mit „Tabletten allein“ nicht weiterkommen, kann eine ganzheitliche Begleitung sinnvoll

sein.


Bei mir erhalten Sie Unterstützung

In meiner Praxis für ganzheitliche Psychosomatik, EMDR und Physiotherapie in Dresden

arbeite ich mit Ihnen u.a. daran,

  • Ihr persönliches Kopfschmerz- und Migränemuster zu verstehen,

  • Stress- und Emotionsmuster zu erkennen, die Ihre Beschwerden verstärken,

  • Körper, Nervensystem und Psyche Schritt für Schritt wieder in Balance zu bringen.


Wenn Sie sich in diesem Artikel wiedererkennen und sich konkrete Unterstützung wünschen:

Melden Sie sich gern bei mir. Gemeinsam schauen wir, was Ihr Kopf, Ihr Körper und Ihre Seele brauchen – für mehr Klarheit, Ruhe und Lebensqualität.


Quellen:

  • International Headache Society (2018): The International Classification of Headache

    Disorders, 3rd edition (ICHD-3). Cephalalgia.

  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), Deutsche Migräne- und

    Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) (aktuelle Fassung): Leitlinie Therapie der Migräneattacke

    und Prophylaxe der Migräne.

  • Porst M et al. (2020): Migraine and tension-type headache in Germany – Prevalence and

    disease severity from the BURDEN 2020 Study. Journal of Headache and Pain.

  • Ashina M et al. (2019): Migraine and the trigeminovascular system – 40 years and counting.

    Lancet Neurology.

  • Charles AC (2013): Cortical spreading depression and migraine. Nature Reviews Neurology.

  • Zhang Q et al. (2019): The exploration of mechanisms of comorbidity between migraine and

    depression. Journal of Cellular and Molecular Medicine.

  • Haghdoost F et al. (2022): Migraine management: Non-pharmacological points for patients

    and health care providers. Current Journal of Neurology.

  • Repiso-Guardeño A et al. (2023): Physical Therapy in Tension-Type Headache: A Systematic

    Review. International Journal of Environmental Research and Public Health.

 
 
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