Schwindel in der Psychosomatik
- Sophia Sandig

- 16. Jan.
- 3 Min. Lesezeit

Wenn der Körper schwankt und das Nervensystem „Alarm“ meldet.
Schwindel kann beängstigend sein: Der Boden fühlt sich unsicher an, der Kopf „benebelt“,
manchmal kommt Herzklopfen, Zittern oder Übelkeit dazu. Viele Betroffene erleben eine
Odyssee aus Untersuchungen und am Ende heißt es: „Alles unauffällig.“ Das ist einerseits
erleichternd, andererseits frustrierend. Denn die Beschwerden sind real. Und genau hier wird
Psychosomatik relevant: Schwindel ist ein Symptom, keine Diagnose – und kann sowohl
körperliche als auch funktionelle (nervensystembezogene) und psychische Ursachen haben.
Schwindel ist nicht gleich Schwindel
Medizinisch wird grob unterschieden zwischen z.B.:
Drehschwindel (alles „dreht“) – häufig vestibulär (Innenohr/Gleichgewichtsorgan)
Schwankschwindel/Unsicherheit (wie auf einem Boot)
Benommenheit/„Watte im Kopf“
Liftschwindel/kurze Wegsack-Gefühle
Wichtig: Auch wenn die Psyche (mit-)beteiligt ist, bedeutet das nicht, dass man sich etwas
„einbildet“. Es bedeutet: Das System aus Gehirn, Gleichgewicht, Körperwahrnehmung und
Stressregulation ist aus dem Takt geraten.
Wann psychosomatischer Schwindel besonders
wahrscheinlich wird
Psychosomatische bzw. funktionelle Schwindelformen treten häufig dann in den Vordergrund,
wenn…
Schwindel über Wochen/Monate anhält oder wiederkehrt,
Untersuchungen keine ausreichende organische Erklärung liefern,
der Schwindel sich in bestimmten Situationen verstärkt (z.B. Supermarkt,
Menschenmengen, Bildschirm/visuelle Reize),
Angst vor dem Schwindel entsteht (Vermeidungsverhalten, ständiges „Checken“ des
Körpers),
gleichzeitig Stress, Erschöpfung, innere Anspannung oder belastende Lebensphasen
bestehen.
Was im Körper passiert: Schwindel als
„Alarmprogramm“
Unser Gleichgewicht entsteht aus einem Zusammenspiel von:
vestibulärem System (Innenohr)
Sehen
Körperfühlen/Propriozeption (Muskeln, Gelenke, Faszien)
Gehirnverarbeitung (Integration + Bewertung: „sicher“ vs. „Gefahr“)
Bei Stress, Angst und Daueranspannung kann das System in eine Art Überwachungsmodus
geraten:
1. Der Körper wird permanent „gescannt“ („Ist mir schwindlig? Kommt gleich was?“)
= Hypervigilanz.
2. Verstärkte Symptomwahrnehmung: Normale Schwankungen werden als bedrohlich
interpretiert.
3. Schon- und Vermeidungsverhalten: weniger Bewegung, weniger Alltag → das
Gleichgewichtssystem bekommt weniger Training.
4. Mehr Unsicherheit: Die Symptome nehmen zu – der Kreislauf schließt sich.
Beispiel:
Julia, 36, arbeitet im Büro, hoher Druck, wenig Pausen. Nach einem Infekt beginnt sie mit
leichtem Schwankschwindel. Medizinisch ist alles unauffällig, doch der Schwindel bleibt.
Im Supermarkt wird es schlimmer, am Bildschirm ebenfalls. Sie beginnt, Termine zu vermeiden,
bewegt sich weniger, schläft schlechter.
Je mehr sie den Schwindel „wegdrücken“ will, desto präsenter wird er. In der Therapie zeigt
sich: Ihr System ist seit Monaten im Alarmmodus und der Schwindel ist zum Signal für
Überlastung geworden.
Was hilft bei psychosomatischem Schwindel?
1) Ärztliche Abklärung (Sicherheit zuerst)
Schwindel hat viele Ursachen. Eine strukturierte Abklärung (z. B.
hausärztlich/neurologisch/HNO) ist wichtig – besonders bei neuen, starken oder
ungewöhnlichen Symptomen.
Sofort abklären lassen, wenn Schwindel zusammen mit akuten neurologischen Ausfällen,
Brustschmerz, Ohnmacht, neuen Lähmungen, Sprach-/Sehstörungen oder stärkstem
Kopfschmerz auftritt.
2) Verstehen, was passiert (Psychoedukation)
Zu wissen, dass Schwindel bei funktioneller Dysregulation echt und erklärbar ist, entlastet.
Das nimmt dem Symptom oft den größten Treiber: Bedrohung.
3) Körperorientierte Regulation (runter vom Gas)
Atemregulation (ruhig, länger ausatmen)
sanfte Mobilisation, Erdung, Körperwahrnehmung
Stressphysiologie beruhigen (Schlaf, Pausen, Rhythmus)
4) Vestibuläre/physiotherapeutische Übungen (wieder „vertrauen“ lernen)
Gezielte, gut dosierte Übungen helfen dem Gehirn, Gleichgewichtssignale wieder sicher zu
verarbeiten. Bewegungstraining und psychologische Unterstützung wirken besonders gut.
5) Psychotherapeutische Verfahren (Angstschleife lösen)
Umgang mit Katastrophengedanken, Vermeidung, Körperscanning
Trauma-/Stressverarbeitung (z. B. EMDR): wenn Schwindel mit belastenden
Erlebnissen, Panik oder anhaltender Alarmbereitschaft gekoppelt ist
Fazit: Schwindel ist ein Signal – und ein behandelbares
Muster
Psychosomatischer/funktioneller Schwindel bedeutet: Das Nervensystem hat gelernt,
Unsicherheit zu produzieren – oft nach Stress, Infekt, vestibulärem Ereignis oder psychischer
Belastung – und hält dieses Muster durch Alarm, Vermeidung und Überkontrolle aufrecht.
Die gute Nachricht: Mit einer kombinierten Behandlung aus
Sicherheit, Körperregulation, gezieltem Training und
psychotherapeutischer Unterstützung lässt sich dieses System meist
deutlich beruhigen.
In meiner Praxis für ganzheitliche Gesundheit, Physiotherapie und
EMDR unterstütze ich Sie gern dabei.
Quellen
1. Staab JP, Eckhardt-Henn A, Horii A, et al. Diagnostic criteria for persistent postural-
perceptual dizziness (PPPD): Consensus document… Journal of Vestibular Research (2017).
(Open-Access-Version)
2. Bárány Society – ICVD Consensus Documents: Übersicht zu Konsensuspapieren (inkl.
PPPD).
3. Popkirov S, Staab JP, Stone J. Persistent postural-perceptual dizziness (PPPD): A common,
characteristic and treatable cause of chronic dizziness. Practical Neurology (2018).
4. Muncie HL, Sirmans SM, James E. Dizziness: Approach to Evaluation and Management.
American Family Physician (2017).
5. Rogers TS, et al. Dizziness: Evaluation and Management. American Family Physician (2023).
6. Knight B, et al. Persistent Postural-Perceptual Dizziness. StatPearls/NCBI Bookshelf
(aktualisierte Übersichtsseite, 2023).



